Genealogie
Familienforschung im Heuchelberg-Zabergäu — als Bearbeiter eigener Ortsfamilienbücher beim Verein für Computergenealogie und als Aufbereiter eines transkriptorischen Lebenswerks von über 242.000 Kirchenbucheinträgen. Seit 2026 mit KI-gestützten Pipelines, die Wochen aus Jahren machen.
Methodik
Ein Ortsfamilienbuch (OFB) ist die systematische Rekonstruktion aller Familien einer Pfarrei oder Gemeinde aus ihren historischen Quellen — Taufregister, Eheregister, Totenregister, gelegentlich ergänzt durch Bürgerbücher, Testamente und Steuerlisten. Aus den drei Strömen der Kirchenbuch-Einträge — wer wird wann geboren, wer heiratet wen, wer stirbt wann — entsteht ein vollständiger Familienverband: Eltern, Kinder, Heiratsverbindungen, Migrationsspuren, Berufe, Sterbeursachen.
Der Aufwand ist langwierig: ein Eintrag nach dem anderen wird gelesen, paläographisch entziffert, in eine genealogische Datenbank übertragen und mit den anderen Einträgen derselben Person verknüpft. Bei rund 2.000 bis 3.000 Personen je Pfarrei dauert das Jahre — und das ist der Grund, warum bearbeitete Ortsfamilienbücher für die Familienforschung so wertvoll sind: Sie machen sichtbar, was über Generationen in handschriftlichen Folianten lag.
Evangelische Kirchenbücher (Taufen, Heiraten, Begräbnisse) der jeweiligen Pfarrei ab Beginn der Aufzeichnung — für Neipperg etwa ab 1647, für Haberschlacht ab 1659. Ergänzend: Gemeindelisten, Visitationsprotokolle, Testamentsregister. Die Originale liegen im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart; Arbeitsgrundlage sind heute überwiegend die Digitalisate auf Archion, dem zentralen Online-Portal der evangelischen Kirchenbücher in Deutschland.
Entzifferung der frühneuzeitlichen Handschrift, Übertragung in eine Genealogie-Datenbank, Identitätsabgleich zwischen Tauf-, Heirats- und Sterbeeinträgen derselben Person, Zuordnung zu Familienverbänden. Auflösung der Mehrfachnamen, Normalisierung historischer Namensformen, Klärung von Patenschafts- und Verwandtschaftsbeziehungen.
Ausgabe nach GEDCOM und Hochladen auf das Online-Ortsfamilienbuch-Portal des Vereins für Computergenealogie (ofb.genealogy.net) — frei zugänglich, suchbar, mit Personen- und Familienkarten. Lizenz: Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen (CC BY-SA 4.0). Korrekturhinweise aus der Forschungsgemeinschaft fließen kontinuierlich zurück.
KI-Workflow
Die klassische OFB-Bearbeitung ist eine Lebensaufgabe — eine Pfarrei kann Jahre an manueller Arbeit binden. Die Verfügbarkeit leistungsfähiger Sprachmodelle hat das verändert: Wo früher jeder Eintrag einzeln gelesen, getippt und verknüpft wurde, übernehmen heute KI-Pipelines die ersten Verarbeitungsstufen — Strukturerkennung, Feldextraktion, Normalisierung. Die menschliche Arbeit verlagert sich von der Tipparbeit zur Quellenkritik und Qualitätssicherung.
Das OFB Neipperg ist auf diesem Weg entstanden: 1.859 Kirchenbuch-Akte, vollständig KI-erzeugt aus den transkribierten Beständen, mit anschließend rund drei Wochen Nacharbeit. Was klassisch zwei bis drei Jahre Lebenszeit gebunden hätte, war so in einem überschaubaren Zeitraum publikationsreif — bei gleicher Datenqualität, weil die KI-Stufen mit menschlicher Stichprobenkontrolle und Konsistenzprüfung gegen die Rohquellen abgesichert werden.
Auch das Kies'sche Familienarchiv ist ein Kind dieser Methodik: Aus 242.299 unstrukturierten Volltext-Einträgen wurden durch wellenweise KI-Verarbeitung strukturierte Personen-Karten — Eintrag für Eintrag, Parochie für Parochie, mit Korrektur-Runden nach Hinweisen aus der Forschungsgemeinschaft.
Claude für Konzeption und Code-Architektur — die Pipelines selbst werden mit Claude Code CLI gebaut. Gemini Flash für Parsing strukturierter Dokumente (DOCX → Excel-Tabellen, Feldextraktion). Groq und Mistral für hochfrequente Massenverarbeitung über die API. Jedes Modell hat seine Stärke; die Pipeline wählt nach Aufgabentyp.
Konsequent API-getrieben, Konsole statt Chat-Oberfläche. Die Verarbeitung läuft als Batch-Pipeline mit Mapping-Tabellen für historische Namens- und Berufsnormalisierung, Konsistenzprüfungen gegen die Rohquellen, Logging jedes Verarbeitungsschritts. Reproduzierbar, versionierbar, ohne UI-Interaktion.
KI-Stufen sind nie Endstand. Stichprobenkontrollen gegen die Originalquellen, Kreuzabgleich zwischen Tauf-, Heirats- und Sterbeeinträgen derselben Person, systematische Korrekturen bei erkannten Mustern (etwa fehlinterpretierte Witwen-Einträge oder fälschlich als Totgeburt gewertete Lesezeichen). Korrekturhinweise aus der Forschungsgemeinschaft fließen in dieselbe Pipeline zurück.
Eigene Ortsfamilienbücher
OFB · veröffentlicht
Rekonstruktion der Familien aus den Kirchenbüchern der Gemeinde Haberschlacht ab Beginn der Aufzeichnung. Online-Veröffentlichung beim Verein für Computergenealogie, durchsuchbar nach Personen und Familienverbänden.
★ 2.920 Personen · 1.058 FamilienOFB · veröffentlicht
Pfarrei Neipperg, Sitz der Reichsgrafen von Neipperg. Tauftregister ab 1647, Eheregister ab 1666, Totenregister ab 1702 — vollständig erfasst bis zur kirchenbuchlichen Trennung am Ende der altreichlichen Zeit.
★ 2.853 Personen · 1.041 FamilienOFB · in Vorbereitung
Ortsfamilienbuch der Pfarrei Winterbach — mit Abstand das größte der hier betreuten Pfarreien. Erarbeitet von Uwe Riegel, der den Bestand an mich weitergegeben hat. Die Veröffentlichung beim Verein für Computergenealogie erfolgt nach Rücksprache mit ihm; anschließend übernehme ich Betreuung, Korrekturen und Ergänzungen.
★ ~26.000 Personen · in VorbereitungOFB · in Arbeit
Eigener Aufbau einer OFB-Veröffentlichungsplattform — Versuch, die zentralen Funktionen von ofb.genealogy.net auf eigener Infrastruktur nachzubilden. Arbeit am Datenmodell, Personensuche, Familienkartendarstellung. Noch in der Entwicklung.
Datenbank-Aufbereitung
Dr. Otfried Kies (1945–2024) hat über Jahrzehnte die Kirchenbücher der Region Heuchelberg-Zabergäu transkribiert — 34 Parochien, mehr als 240.000 Einträge aus Tauf-, Heirats-, Begräbnis- und Testamentsregistern, vom frühen 16. bis ins späte 19. Jahrhundert. Ein Datenschatz, der ohne weitere Aufbereitung als unstrukturierter Volltext vorlag.
Die Aufgabe: diese Transkriptionen so erschließen, dass jeder Eintrag eine eigene strukturierte Personen-Karte bekommt — mit getrennten Feldern für Kind, Vater, Mutter, Paten bei Taufen; Bräutigam, Braut und deren Eltern bei Heiraten; Verstorbene mit Sterbeursache und Alter bei Begräbnissen. Aus 240.000 Textblöcken werden so durchsuchbare, miteinander verknüpfbare Datensätze.
Korrekturen & Ergänzungen
Für zwei Ortsfamilienbücher in der Pfarrei Winterbach pflege ich die Bestände kontinuierlich nach — Korrekturen offensichtlicher Fehler, Ergänzungen aus Nachträgen und Hinweisen anderer Forscher, Aufnahme bisher fehlender Einträge. Eingearbeitet werden auch Rückmeldungen aus der Forschungsgemeinschaft, die über das OFB-Portal eingehen.
Eigene Software
webtrees ist die führende quelloffene Web-Anwendung für Familienforschung — aber an mehreren Stellen fehlt etwas: eine Android-App zum mobilen Lesen unterwegs, zwei spezialisierte Archiv-Module für kuratierte Medien- und Ortsdatenbanken, und natürlich eine eigene öffentlich zugängliche Instanz. Alle baue ich gerade selbst — als Ergänzung zum webtrees-Ökosystem, ohne Eingriff in den Core.
Android-App · verfügbar
Generischer Android-Client für beliebige webtrees-Instanzen — beim ersten Start wird einmalig die eigene webtrees-Domain konfiguriert. Schneller Zugriff vom Tablet aus, durchgehende Session, eigener App-Icon im Launcher. Eine offizielle webtrees-App gibt es nicht — diese hier füllt die Lücke für alle, die ihre Familienforschung mobil oder am Tablet im Wohnzimmer lesen wollen. Der Name folgt der OsmAnd-Tradition: OpenStreetMap → OsmAnd, webtrees → WebtreesAnd.
Installation aus „unbekannten Quellen" in den Android-Einstellungen einmalig erlauben. App ist signiert, aber nicht im Play Store.
scannen ↓
webtrees-Modul · v1.0.0 · veröffentlicht
Foto- und Dokumenten-Sammlungen als thematische Mediensicht parallel zur personenbezogenen Stammbaum-Ansicht. Ordner-Sammlungen aus dem Dateisystem (Familienfotos, Grabsteine, Kirchenbuchakten, Briefe …), freie Sammlungen über mehrere Ordner hinweg. Galerie mit Lightbox, Thumbnail-Streifen und Tastatur-Navigation, EXIF/XMP-Lesen und -Schreiben direkt in die Datei mit automatischem Tages-Backup, bidirektionaler Abgleich gegen webtrees-Personenverknüpfungen.
★ Open Source · github.com/thobgg/webtrees-sammlungenwebtrees-Modul · in Entwicklung
Ergänzt webtrees um visuelle Landing-Pages für Orte: Hauptfoto, Foto-Galerie und verknüpfte Personen-Ereignisse pro Ort. Aus GEDCOM-Ortsstrings wird eine navigierbare Ortsdatenbank mit DataTables-Liste, Leaflet-Karte und MarkerCluster. Geplant: GOV-Integration für historische Verwaltungszugehörigkeiten, Kirchspiel-Verlinkung zu Archion und Matricula, Ort-zu-Foto-Verknüpfungen aus dem Sammlungen-Modul.
Grundgerüst steht · Veröffentlichung folgtwebtrees-Instanz · läuft, noch nicht öffentlich
Eigene webtrees-Instanz auf der Synology-NAS, in Betrieb für den Aufbau des Bugge-Fischer-Stammbaums. Die Instanz dient gleichzeitig als Testumgebung für die eigenen Module (Sammlungen, Ortsregister) und für WebtreesAnd. Der Besucherzugang ist derzeit geschlossen — Familienteile, die freigegeben werden, werden im Sinne der CC-BY-SA-Lizenz zugänglich sein.
Werkzeuge
Haltung
Seit 2007 läuft auf meinen Rechnern Linux — heute Xubuntu auf dem Arbeitsplatz, Debian-basierte Container auf der eigenen Synology-NAS. Eigene Server, eigene Pipelines, eigene Daten. Das ist keine Ideologie, sondern eine über fast zwei Jahrzehnte gewachsene Selbstverständlichkeit: Wer mit historischen Quellen arbeitet, will wissen, wo seine Daten liegen, wer Zugriff hat, und wie das Werkzeug funktioniert, das die Quellen verarbeitet.
Diese Haltung trägt die genealogische Arbeit: Die OFBs werden CC-BY-SA lizenziert, das Kies'sche Familienarchiv läuft auf selbst-gehosteter Infrastruktur mit offenem SQLite-Datenmodell, die webtrees-Installation ist Open-Source-Software auf eigenem Server. Auch die KI-Pipelines werden so gebaut, dass die Daten zu jedem Zeitpunkt zwischen den Verarbeitungsstufen lesbar und reproduzierbar bleiben — kein Lock-in in proprietäre Werkzeugketten.
F-Droid: Zeithorizont für App-Entwickler wird enger
F-Droid ist der einzige vollständig quelloffene App-Marktplatz für Android — kein Tracking, kein Google-Konto, keine proprietären Bibliotheken. Für Open-Source-Entwickler wie mich war er lange die erste Wahl, um Apps wie WebtreesAnd erreichbar zu machen.
Das F-Droid-Modell hat jedoch strukturelle Eigenheiten, die es für Entwickler zunehmend mühsam machen: F-Droid baut Apps selbst aus dem Quellcode, nicht aus den vom Entwickler signierten APKs. Das bedeutet häufige Build-Inkompatibilitäten, oft wochenlange Review-Rückstände, und ein Review-Prozess, der ehrenamtlich und chronisch unterbesetzt ist. Neu angekündigte Anforderungen an reproduzierbare Builds werden die Hürde für viele Android-Projekte weiter erhöhen — besonders für kleinere Projekte ohne dedizierte CI-Infrastruktur.
Wer WebtreesAnd nutzen möchte, lädt die APK deshalb direkt herunter — signiert, aber nicht über den Play Store oder F-Droid. Das ist eine bewusste Entscheidung für maximale Kontrolle: kein Drittanbieter-Marktplatz zwischen Entwickler und Nutzer.
Eine praktische Alternative für Entwickler, die F-Droid-Kompatibilität ohne den aufwändigen Build-Prozess wollen, ist IzzyOnDroid — ein F-Droid-kompatibler Drittanbieter-Repo, der Entwickler-signierte APKs akzeptiert, deutlich schneller reviewt und für kleinere Projekte deutlich realistischer erreichbar ist.